VorsorgekommissionWissen & Werkzeuge

Vertiefung · Modul 5 von 5 · ca. 6 Min.

Die Jahresrechnung lesen & beurteilen

Aufbau, Kennzahlen und ein durchgerechnetes Beispiel

Lernziele

  • Sie verstehen den Aufbau der Jahresrechnung nach Swiss GAAP FER 26.
  • Sie können die zentralen Kennzahlen als «gut» oder «kritisch» einordnen.
  • Sie beurteilen ein konkretes Beispiel selbstständig.

Aufbau der Jahresrechnung (Swiss GAAP FER 26)

  • Bilanz: Vermögen (Aktiven) gegenüber Vorsorgekapitalien, technischen Rückstellungen und Wertschwankungsreserve (Passiven).
  • Betriebsrechnung: Beiträge und Leistungen, Anlageergebnis, Bildung/Auflösung von Rückstellungen und Reserve, Ergebnis.
  • Anhang: Erläuterungen – u. a. Deckungsgrad, technische Grundlagen, Anlagen samt Kategorienlimiten, Kosten und Verzinsung.

Die Betriebsrechnung (Erfolgsrechnung) verstehen

Während die Bilanz den Vermögensstand an einem Stichtag zeigt, hält die Betriebsrechnung fest, was im Lauf des Jahres geflossen ist. Sie stellt die Erträge den Aufwänden gegenüber; die Differenz ist das Betriebsergebnis.

  • Erträge: ordentliche Beiträge von Arbeitgeber und Arbeitnehmenden, Eintrittsleistungen (Freizügigkeit zuziehender Versicherter) und das Netto-Anlageergebnis.
  • Aufwände: Versicherungsleistungen (Renten, Kapital), Austrittsleistungen abgehender Versicherter, die Veränderung der Vorsorgekapitalien und Rückstellungen sowie Verwaltungs- und Vermögensverwaltungskosten.
  • Ergebnis: Ein Überschuss wird der Wertschwankungsreserve zugewiesen (Deckungsgrad steigt); ein Verlust wird ihr entnommen (Deckungsgrad sinkt).
ERTRÄGE (+)+ Beiträge (AG + AN)+ Netto-Anlageergebnis+ Einkäufe / EintritteAUFWÄNDE (−)− Renten & Kapital− Austrittsleistungen− Verwaltungs- & VV-Kosten=ERGEBNIS (=)= Betriebsergebnis→ Zuweisung an oder Entnahme aus der Wertschwankungsreserve
Erträge minus Aufwände ergeben das Betriebsergebnis. Es ist das Bindeglied zur Bilanz: Das Ergebnis verändert die Wertschwankungsreserve und damit den Deckungsgrad.

Durchgerechnetes Beispiel (vereinfacht, «Pensionskasse Muster AG», in Mio. CHF):

PositionBetragArt
Beiträge & Einlagen (AG + AN)+ 25Ertrag
Eintrittsleistungen (zuziehende Versicherte)+ 15Ertrag
Netto-Anlageergebnis+ 26Ertrag
Versicherungsleistungen (Renten, Kapital)− 20Aufwand
Austrittsleistungen (Abgänge)− 18Aufwand
Veränderung Vorsorgekapital & Rückstellungen− 20Aufwand
Verwaltungs- & Vermögensverwaltungskosten− 3Aufwand
= Betriebsergebnis+ 5→ an Wertschwankungsreserve

Was das Ergebnis bedeutet

Die Kasse erwirtschaftet einen Überschuss von CHF 5 Mio., der die Wertschwankungsreserve stärkt – der Deckungsgrad steigt. Ein negatives Ergebnis hätte umgekehrt die Reserve aufgezehrt. So hängen Betriebsrechnung und Deckungsgrad direkt zusammen.

Die wichtigsten Kennzahlen – gut oder kritisch?

Die folgenden Orientierungswerte helfen bei der Einordnung. Sie sind Faustregeln – entscheidend ist immer das Gesamtbild und die Risikofähigkeit der Kasse.

KennzahlGutBeobachtenKritisch
Deckungsgrad> 115 %100–115 %< 100 % (Unterdeckung)
Wertschwankungs­reserveZielwert erreichtim Aufbaunicht vorhanden
Netto-Rendite≥ Benchmark/Strategieleicht darunterdeutlich darunter
Verzinsung Aktive≥ Mindestzins & ≈ techn. Zins= MindestzinsMinderverzinsung (Sanierung)
Technischer Zinsvorsichtig (≈ 1,5 % oder tiefer)moderathoch im Verhältnis zur Renditeerwartung
Verwaltungskosten / Kopf< ~300 CHF300–500 CHF> ~500 CHF
Vermögensverw.-kosten (TER)< ~0,5 %0,5–0,8 %> ~0,8 %
Rentneranteil am Kapital< ~40 %40–60 %> ~60 % (Strukturrisiko)

Warum der Deckungsgrad allein nicht reicht

Die Wertschwankungsreserve ist der Teil über 100 %: Ein Deckungsgrad von 112 % bedeutet automatisch eine Reserve von 12 %. Entscheidend ist aber der Zielwert: Braucht die Kasse für ihr Anlagerisiko z. B. 20 %, sind die 12 % erst gut zur Hälfte aufgebaut – die Kasse ist zwar ausfinanziert, aber dünn gepolstert. Ein schlechtes Börsenjahr (z. B. −10 %) kann sie dann rasch unter 100 % drücken. Lesen Sie den Deckungsgrad deshalb immer im Verhältnis zum Zielwert der Reserve.

Beispiel: «Pensionskasse Muster AG»

So könnte ein Auszug aus der Jahresrechnung aussehen:

KennzahlWertBeurteilung
Vorsorgevermögen500 Mio. CHFeher kleine Kasse – grosse Sammelstiftungen verwalten Milliarden; mehr Grösse bringt oft tiefere Kosten pro Kopf
Deckungsgrad112 %solide, aber kein dickes Polster
Wertschwankungsreserve12 % (Ziel 16 %)erst im Aufbau → beobachten
Netto-Rendite5,2 % (Benchmark 5,0 %)gut – über Benchmark
Verzinsung Aktive1,50 %über Mindestzins (1,25 %) – gut
Technischer Zins (Rentner)1,75 %leichte Umverteilung zu Rentnern
Verwaltungskosten / Kopf280 CHFtief – gut
Vermögensverw.-kosten (TER)0,45 %tief – gut
Rentneranteil am Kapital45 %im grünen Bereich

Was hier gut ist

Effiziente Kosten, eine Rendite über Benchmark, eine Verzinsung der Aktiven über dem Mindestzins und eine gesunde Altersstruktur. Die Kasse arbeitet sauber und im Sinne der Versicherten.

Worauf Sie achten würden

Der Deckungsgrad von 112 % ist in Ordnung, die Wertschwankungsreserve aber erst bei 12 % von 16 %. In einem schlechten Anlagejahr (z. B. −10 %) käme die Kasse rasch in Richtung 100 %. Zudem liegt die Rentnerverzinsung (techn. Zins 1,75 %) über der Verzinsung der Aktiven (1,50 %) – eine moderate Umverteilung, die man im Auge behalten sollte.

Gegenbeispiel «kritisch»

Deckungsgrad 97 %, keine Wertschwankungsreserve, Rendite klar unter Benchmark, Minderverzinsung der Aktiven, Kosten über 600 CHF/Kopf und ein Rentneranteil von 70 %: Das ist eine Kasse in Unterdeckung mit Strukturrisiko – hier sind Sanierungsmassnahmen und kritische Fragen gefragt (siehe Vertiefung, Modul 4).

Ihre Leitfragen beim Lesen

  1. Wie robust ist der Deckungsgrad in einem schlechten Börsenjahr (Reserve)?
  2. Wie gross ist die Umverteilung zu den Rentnern (Verzinsung Aktive vs. techn. Zins)?
  3. Sind Rendite und Kosten marktüblich?
  4. Passt die Anlagestrategie noch zur Risikofähigkeit (Struktur Aktive/Rentner)?
  5. Was sagen Experte und Revisionsstelle in ihren Berichten?

Selbsttest

0/4 beantwortet

1. Ab welchem Deckungsgrad spricht man von Unterdeckung?

2. Eine Kasse hat 103 % Deckungsgrad. Wie beurteilen Sie das?

3. Welche Beobachtung deutet auf Umverteilung zu den Rentnern hin?

4. Was geschieht mit einem positiven Betriebsergebnis?