Modul 10 von 10 · ca. 30 Min.
Die Jahresrechnung lesen & beurteilen
Aufbau, Kennzahlen und ein durchgerechnetes Beispiel
Lernziele
- Sie verstehen den Aufbau der Jahresrechnung nach Swiss GAAP FER 26.
- Sie können die zentralen Kennzahlen als «gut» oder «kritisch» einordnen.
- Sie beurteilen ein konkretes Beispiel selbstständig.
Aufbau der Jahresrechnung (Swiss GAAP FER 26)
- Bilanz: Vermögen (Aktiven) gegenüber Vorsorgekapitalien, technischen Rückstellungen und Wertschwankungsreserve (Passiven).
- Betriebsrechnung: Beiträge und Leistungen, Anlageergebnis, Bildung/Auflösung von Rückstellungen und Reserve, Ergebnis.
- Anhang: Erläuterungen – u. a. Deckungsgrad, technische Grundlagen, Anlagen samt Kategorienlimiten, Kosten und Verzinsung.
Die Betriebsrechnung (Erfolgsrechnung) verstehen
Während die Bilanz den Vermögensstand an einem Stichtag zeigt, hält die Betriebsrechnung fest, was im Lauf des Jahres geflossen ist. Sie stellt die Erträge den Aufwänden gegenüber; die Differenz ist das Betriebsergebnis.
- Erträge: ordentliche Beiträge von Arbeitgeber und Arbeitnehmenden, Eintrittsleistungen (Freizügigkeit zuziehender Versicherter) und das Netto-Anlageergebnis.
- Aufwände: Versicherungsleistungen (Renten, Kapital), Austrittsleistungen abgehender Versicherter, die Veränderung der Vorsorgekapitalien und Rückstellungen sowie Verwaltungs- und Vermögensverwaltungskosten.
- Ergebnis: Ein Überschuss wird der Wertschwankungsreserve zugewiesen (Deckungsgrad steigt); ein Verlust wird ihr entnommen (Deckungsgrad sinkt).
Durchgerechnetes Beispiel (vereinfacht, «Pensionskasse Muster AG», in Mio. CHF):
| Position | Betrag | Art |
|---|---|---|
| Beiträge & Einlagen (AG + AN) | + 25 | Ertrag |
| Eintrittsleistungen (zuziehende Versicherte) | + 15 | Ertrag |
| Netto-Anlageergebnis | + 26 | Ertrag |
| Versicherungsleistungen (Renten, Kapital) | − 20 | Aufwand |
| Austrittsleistungen (Abgänge) | − 18 | Aufwand |
| Veränderung Vorsorgekapital & Rückstellungen | − 20 | Aufwand |
| Verwaltungs- & Vermögensverwaltungskosten | − 3 | Aufwand |
| = Betriebsergebnis | + 5 | → an Wertschwankungsreserve |
Was das Ergebnis bedeutet
Die wichtigsten Kennzahlen – gut oder kritisch?
Die folgenden Orientierungswerte helfen bei der Einordnung. Sie sind Faustregeln – entscheidend ist immer das Gesamtbild und die Risikofähigkeit der Kasse.
| Kennzahl | Gut | Beobachten | Kritisch |
|---|---|---|---|
| Deckungsgrad | > 115 % | 100–115 % | < 100 % (Unterdeckung) |
| Wertschwankungsreserve | Zielwert erreicht | im Aufbau | nicht vorhanden |
| Netto-Rendite | ≥ Benchmark/Strategie | leicht darunter | deutlich darunter |
| Verzinsung Aktive | ≥ Mindestzins & ≈ techn. Zins | = Mindestzins | Minderverzinsung (Sanierung) |
| Technischer Zins | vorsichtig (≈ 1,5 % oder tiefer) | moderat | hoch im Verhältnis zur Renditeerwartung |
| Verwaltungskosten / Kopf | < ~300 CHF | 300–500 CHF | > ~500 CHF |
| Vermögensverw.-kosten (TER) | < ~0,5 % | 0,5–0,8 % | > ~0,8 % |
| Rentneranteil am Kapital | < ~40 % | 40–60 % | > ~60 % (Strukturrisiko) |
Warum der Deckungsgrad allein nicht reicht
Beispiel: «Pensionskasse Muster AG»
So könnte ein Auszug aus der Jahresrechnung aussehen:
| Kennzahl | Wert | Beurteilung |
|---|---|---|
| Vorsorgevermögen | 500 Mio. CHF | — |
| Deckungsgrad | 112 % | solide, aber kein dickes Polster |
| Wertschwankungsreserve | 12 % (Ziel 16 %) | erst im Aufbau → beobachten |
| Netto-Rendite | 5,2 % (Benchmark 5,0 %) | gut – über Benchmark |
| Verzinsung Aktive | 1,50 % | über Mindestzins (1,25 %) – gut |
| Technischer Zins (Rentner) | 1,75 % | leichte Umverteilung zu Rentnern |
| Verwaltungskosten / Kopf | 280 CHF | tief – gut |
| Vermögensverw.-kosten (TER) | 0,45 % | tief – gut |
| Rentneranteil am Kapital | 45 % | im grünen Bereich |
Was hier gut ist
Worauf Sie achten würden
Gegenbeispiel «kritisch»
Ihre Leitfragen beim Lesen
- Wie robust ist der Deckungsgrad in einem schlechten Börsenjahr (Reserve)?
- Wie gross ist die Umverteilung zu den Rentnern (Verzinsung Aktive vs. techn. Zins)?
- Sind Rendite und Kosten marktüblich?
- Passt die Anlagestrategie noch zur Risikofähigkeit (Struktur Aktive/Rentner)?
- Was sagen Experte und Revisionsstelle in ihren Berichten?
Selbsttest
0/4 beantwortet1. Ab welchem Deckungsgrad spricht man von Unterdeckung?
2. Eine Kasse hat 112 % Deckungsgrad, aber nur die halbe Wertschwankungsreserve. Wie beurteilen Sie das?
3. Welche Beobachtung deutet auf Umverteilung zu den Rentnern hin?
4. Was geschieht mit einem positiven Betriebsergebnis?