VorsorgekommissionWissen & Werkzeuge

Modul 9 von 9 · ca. 30 Min.

Die Jahresrechnung lesen & beurteilen

Aufbau, Kennzahlen und ein durchgerechnetes Beispiel

Lernziele

  • Sie verstehen den Aufbau der Jahresrechnung nach Swiss GAAP FER 26.
  • Sie können die zentralen Kennzahlen als «gut» oder «kritisch» einordnen.
  • Sie beurteilen ein konkretes Beispiel selbstständig.

Aufbau der Jahresrechnung (Swiss GAAP FER 26)

  • Bilanz: Vermögen (Aktiven) gegenüber Vorsorgekapitalien, technischen Rückstellungen und Wertschwankungsreserve (Passiven).
  • Betriebsrechnung: Beiträge und Leistungen, Anlageergebnis, Bildung/Auflösung von Rückstellungen und Reserve, Ergebnis.
  • Anhang: Erläuterungen – u. a. Deckungsgrad, technische Grundlagen, Anlagen samt Kategorienlimiten, Kosten und Verzinsung.

Die wichtigsten Kennzahlen – gut oder kritisch?

Die folgenden Orientierungswerte helfen bei der Einordnung. Sie sind Faustregeln – entscheidend ist immer das Gesamtbild und die Risikofähigkeit der Kasse.

KennzahlGutBeobachtenKritisch
Deckungsgrad> 115 %100–115 %< 100 % (Unterdeckung)
Wertschwankungs­reserveZielwert erreichtim Aufbaunicht vorhanden
Netto-Rendite≥ Benchmark/Strategieleicht darunterdeutlich darunter
Verzinsung Aktive≥ Mindestzins & ≈ techn. Zins= MindestzinsMinderverzinsung (Sanierung)
Technischer Zinsvorsichtig (≈ 1,5 % oder tiefer)moderathoch im Verhältnis zur Renditeerwartung
Verwaltungskosten / Kopf< ~300 CHF300–500 CHF> ~500 CHF
Vermögensverw.-kosten (TER)< ~0,5 %0,5–0,8 %> ~0,8 %
Rentneranteil am Kapital< ~40 %40–60 %> ~60 % (Strukturrisiko)

Warum der Deckungsgrad allein nicht reicht

Ein Deckungsgrad von 112 % klingt gut – ist aber die Wertschwankungsreserve erst halb aufgebaut, kann ein schlechtes Börsenjahr die Kasse rasch unter 100 % drücken. Lesen Sie Deckungsgrad und Reserve immer zusammen.

Beispiel: «Pensionskasse Muster AG»

So könnte ein Auszug aus der Jahresrechnung aussehen:

KennzahlWertBeurteilung
Vorsorgevermögen500 Mio. CHF
Deckungsgrad112 %solide, aber kein dickes Polster
Wertschwankungsreserve12 % (Ziel 16 %)erst im Aufbau → beobachten
Netto-Rendite5,2 % (Benchmark 5,0 %)gut – über Benchmark
Verzinsung Aktive1,50 %über Mindestzins (1,25 %) – gut
Technischer Zins (Rentner)1,75 %leichte Umverteilung zu Rentnern
Verwaltungskosten / Kopf280 CHFtief – gut
Vermögensverw.-kosten (TER)0,45 %tief – gut
Rentneranteil am Kapital45 %im grünen Bereich

Was hier gut ist

Effiziente Kosten, eine Rendite über Benchmark, eine Verzinsung der Aktiven über dem Mindestzins und eine gesunde Altersstruktur. Die Kasse arbeitet sauber und im Sinne der Versicherten.

Worauf Sie achten würden

Der Deckungsgrad von 112 % ist in Ordnung, die Wertschwankungsreserve aber erst bei 12 % von 16 %. In einem schlechten Anlagejahr (z. B. −10 %) käme die Kasse rasch in Richtung 100 %. Zudem liegt die Rentnerverzinsung (techn. Zins 1,75 %) über der Verzinsung der Aktiven (1,50 %) – eine moderate Umverteilung, die man im Auge behalten sollte.

Gegenbeispiel «kritisch»

Deckungsgrad 97 %, keine Wertschwankungsreserve, Rendite klar unter Benchmark, Minderverzinsung der Aktiven, Kosten über 600 CHF/Kopf und ein Rentneranteil von 70 %: Das ist eine Kasse in Unterdeckung mit Strukturrisiko – hier sind Sanierungsmassnahmen und kritische Fragen gefragt (siehe Modul 7).

Ihre Leitfragen beim Lesen

  1. Wie robust ist der Deckungsgrad in einem schlechten Börsenjahr (Reserve)?
  2. Wie gross ist die Umverteilung zu den Rentnern (Verzinsung Aktive vs. techn. Zins)?
  3. Sind Rendite und Kosten marktüblich?
  4. Passt die Anlagestrategie noch zur Risikofähigkeit (Struktur Aktive/Rentner)?
  5. Was sagen Experte und Revisionsstelle in ihren Berichten?

Selbsttest

0/3 beantwortet

1. Ab welchem Deckungsgrad spricht man von Unterdeckung?

2. Eine Kasse hat 112 % Deckungsgrad, aber nur die halbe Wertschwankungsreserve. Wie beurteilen Sie das?

3. Welche Beobachtung deutet auf Umverteilung zu den Rentnern hin?